Zum Inhalt springen

Schalmeien und steile Wände

„Wo geht’s denn hin?“, fragte mein Vater. Ich rekrutierte ihn zum Fahrdienst, hatte er sich doch nach der Partie bei Börde für eine baldige Wiederholung ausgesprochen. Nun ging es nach Kleinmühlingen. Mitgehangen, mitgefangen.

Kleinmühlingen, also. Nein, das kannte ich zuvor auch nicht. Wikipedia weiß, dass der Ort 1550 seinen ersten Schullehrer erhielt. Und berichtet von zahlreichen Wechseln der Territorialherren. Eine Erwähnung der ansässigen Schalmeienkapelle fehlt. An Schönebeck vorbei geht es von Magdeburg aus südwärts in den Salzlandkreis. Wer Großmühlingen erreicht, ist schon zu weit gefahren. Ist uns glücklicherweise nicht passiert, denn der Sportplatz an der Röthe ist so ziemlich das Erste, was Besucher in Kleinmühlingen erspähen.

Improvisierter Windschutz in Kleinmühlingen

Eine ordentliche Anlage, ein gepflegter Rasen. Über’s platte Land fegt der Wind. Auf der Koppel nebenan grasen die Pferde. Fußball gespielt wird dort in der achtklassigen Landesklasse Staffel 2. Zu Beginn des Nachhol-Spieltags belegten die Hausherren Rang 12, jedoch mit genügend Lüft nach unten. Die ist auch nötig, verloren die Kleinmühlinger zuletzt vier Spiele in Folge. Am Samstag setzte es bei der TuS 1860 Magdeburg-Neustadt gar ein 0:8. Übrigens: Der große Rivale sei wohl eben nicht Großmühlingen, sondern – noch einen Ort weiter – Eickendorf. Oder eben der jeweils nächste Gegner.

TSV Grün Weiß Kleinmühlingen / Zens 0:7 (0:6) SG Blau-Weiß Niegripp

Dass es für Kleinmühlingen gegen Niegripp nicht einfacher werden würde als gegen Neustadt, deutete sich bereits beim Aufwärmen an. Die Gäste legten eine ganz andere Konstitution an den Tag, vor allem die beiden Innenverteidiger. Größentechnisch konnte da nur der Schiedsrichter mithalten, auf Seiten der Gastgeber niemand. Niegripp würde mit einem Sieg die Tabellenführung übernehmen. Einen Punkt betrug der Rückstand auf Arminia Magdeburg. Blau-Weiß hatte, inklusive der Partie in Kleinmühlingen, noch drei Spiele in der Hinterhand.

Die vermutete Überlegenheit der Gäste sollte sich sofort bewahrheiten. Niegripp traf vom Anstoß weg, brauchte nur vier Stationen, um vor dem Kasten der Gastgeber aufzutauchen und Torhüter Sebastian Brandt zum ersten Mal zu überwinden. Ein schönes persönliches Duell entwickelte sich zwischen Marcus Schlüter, Kapitän Niegripps, und seinem Kleinmühlinger Sonderbewacher Robert Kaschner. Letzterer empfing den Spielmacher der Gäste, sobald dieser die Mittellinie übertrat. Schlüters Rache für die wohl zahllosen blauen Flecke würde noch folgen.

Niegripp zieht an Arminia vorbei

Zunächst verdoppelte Till Räcke die Führung der Niegripper (21′). Zwei in den Strafraum gelupfte Bälle verwandelten Fabian Mlynek (26′) und Schlüter (31′) jeweils per Kopfball zum 0:3 respektive 0:4. Nach jedem Gegentor sank ein weiterer Spieler der Gastgeber zu Boden. Ihre Gegenwehr war aller Ehren wert, doch allein von der Physis waren ihnen die Gäste eine Klasse überlegen. Noch vor dem Seitenwechsel machten sie das halbe Dutzend voll. Zweimal setzte sich ein Blau-Weißer über den rechten Flügel durch, gab in die Mitte. Andre Wittpahl (39′) und erneut Schlüter (42′) schraubten das Ergebnis höher.

Wäre die Partie ohne Halbzeitpause vonstatten gegangen, hätten die Niegripper wohl zweistellig gewonnen. Bereits in Durchgang eins trafen sie jeweils einmal Pfosten und Latte. So nahmen sie in Durchgang zwei Tempo raus, scheiterten nun auch öfter am Schlussmann von Grün Weiß. Einen Ball konnte Brandt allerdings nur in die Mitte abwehren, wonach Schlüter seinen Dreierpack schnürte (51′) und den Endstand von 0:7 besorgte.

Im Fernduell mit Arminia führt nun Niegripp die Tabelle der Landesklasse Staffel 2 an. Ob ich sie im Quervergleich auch vor Arminia einsortieren würde? Auf Basis der zwei gesehenen Spiele bin ich mir da nicht sicher. Kleinmühlingen war ein doch sehr dankbarer Gegner. Die direkten Duelle zwischen Arminia und Niegripp in dieser Saison gingen jeweils an die Heimmannschaft (3:2 und 1:0). Zieht Niegripp die noch ausstehenden Nachholspiele, werden sie wohl auch Staffelsieger.

Radsportmuseum Course de la Paix

Die „Steile Wand“ von Meerane. (Foto: Bundesarchiv, CC-BY-SA)

Vom Sportplatz ging es nach Spielende weiter ins „Zentrum“. Dort gibt es mit dem Radsportmuseum eine Sehenswürdigkeit, die den ein oder anderen überregionalen Tourist nach Kleinmühlingen lockt. Das Gebäude schält sich schon von Weitem aus dem Stadtbild: eine Seitenwand ist mit dem Konterfei des jungen Täve Schur geschmückt, daneben quälen sich einige seiner Leidensgenossen die Steile Wand von Meerane hinauf.

Damit wäre Radsportfans auch der Schwerpunkt des Museums bereits verraten: viele der Exponate stammen von der Friedensfahrt. Das Etappenrennen wurde von 1948 bis 2006 ausgetragen. Zu DDR-Zeiten war es das wichtigste Amateurrennen im Radsport. 1955 und 1959 siegte der Magdeburger Gustav-Adolf, genannt Täve, Schur und wurde so einer der ersten Sporthelden der DDR.

All zu weit reicht es mit meinem Wissen über die Friedensfahrt nicht. Kenner werden an dem liebevoll geführten Museum ihre Freude haben. In zwei Räumen stehen und hängen unzählige Räder verschiedener Epoche, originale Trikots sowie Trophäen und Präsente, die Fahrer an den Etappenzielen erhielten. Auf einer Wand des Museums durften sich die populäreren Besucher verewigen: Voigt, Zabel & Co. Wir begnügten uns mit dem Gästebuch.

Published inVor Ort

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.